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Studien zum Übergang von der Kupferzeit zur frühen Bronzezeit im östlichen Mitteleuropa 

von Dieter Vollmann

Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde 77

Bonn 2005

 

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Zusammenfassung

(Summary)

Die Bemühungen, die Beziehungen zwischen den karpatenländischen Kulturen der frühen Bronzezeit und den gleichzeitigen Kulturen des zentralen und westlichen Mitteleuropas zu untersuchen und damit letztlich die Entstehung der bronzezeitlichen Zivilisation zu erklären, scheiterten zumeist einerseits am schlechten Publikationsstand, andererseits an einer Vielfalt von Forschungsmeinungen, die auch nach der Publikation von Grabungen, die neue Grabungsergebnisse lieferten, nahezu unverändert beibehalten wurden. Dabei waren zwei Kulturen von besonderer Wichtigkeit, da sie aufgrund ihrer Verbreitung im mittleren Teil des Karpatenbeckens eine zentrale Rolle im Bezugssystem zur Entstehung der frühen Bronzezeit Mitteleuropas spielten. Zum einen war dies der Makó-Kosihy-Čaka-Komplex: Unter diesem Begriff wurden in dieser Untersuchung mehrere Kulturen und Kulturgruppen zusammengefasst, die aufgrund der forschungsgeschichtlichen Entwicklung mit den Begriffen „Makó-Kultur“, „Kosihy-Čaka-Gruppe“ und „(frühe) Somogyvár-Kultur“ benannt wurden, die sich aber nicht so deutlich voneinander unterschieden, dass eine getrennte Behandlung gerechtfertigt gewesen wäre. Zum anderen wurde die Nagyrév-Kultur näher behandelt, deren Gliederung und kulturelle Einordnung immer noch im Wesentlichen auf die grundlegende Arbeit I. Bónas vom Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgingen. Auf diese Kulturen berief man sich bei der Betrachtung der Entstehung und Entwicklung verschiedener Kulturen, die für den Übergang zur frühen Bronzezeit von Bedeutung waren (Glockenbecher-Kultur, späte Schnurkeramik, Aunjetitz, Nitra u. a.).

Ziel war es deshalb zunächst, durch eine auf derselben methodischen Grundlage beruhende Neuuntersuchung des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes und der Nagyrév-Kultur eine Basis für den Vergleich der Kulturen zu schaffen. Grundlage hierfür war wiederum die Analyse der aus Siedlungen und Gräbern stammenden Keramik. Für beide Kulturen wurde in einem ersten Schritt ein gemeinsames Schema an Gefäßgattungen erarbeitet, das als Ausgangspunkt für die weitere Analyse diente. Im weiteren wurde die Keramik des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes und der Nagyrév-Kultur getrennt voneinander untersucht. Eine systematische Betrachtung der Gefäßformen (mit Hilfe eines messwert-unterstützten Klassifikationssystems) und eine Analyse der Verzierungen (mit Hilfe der Merkmale Technik, Disposition, Motiv und Stil) bildeten den Ausgangspunkt für eine kombinationsstatistische und vergleichende Untersuchung. Das Ergebnis dieser Betrachtungen war die Bildung von Gefäßtypen, zu denen ähnliche Gefäße aufgrund von Merkmalen und Merkmalkombinationen zu­sammengefasst wurden. In beiden Kulturen spielte dabei das Merkmal der Gefäßform eine zentrale Rolle. Aufgrund ähnlicher Verzierungen und Gefäßformen ließen sich diese Typen zu Typengruppen zusammenfassen, die die merkmalanalytischen Beziehungen zwischen den Gefäßen näher erläutern und damit einen Überblick über die Typen geben sollten. Die Gefäßtypen waren die Ausgangsbasis für die chronologische Untersuchung der Grabfunde und – soweit vorhanden – der Siedlungsstrati­graphien.

Die Analyse der im Makó-Kosihy-Čaka-Komplex auftretenden Schüsseltypen mit Innenverzierung ergab eine Aufteilung in Typengruppen, die zunächst als regionale Erscheinungen innerhalb des Komplexes erkannt werden konnten. Eine im Norden Transdanubiens und im Osten Österreichs ver­breitete Gruppe lässt dabei enge Kontakte zum kroatisch-slowenischen Raum erkennen. Eine zweite Gruppe ist in der Südwestslowakei, im Budapester Raum und in Nordosttransdanubien verbreitet. Davon grenzt sich eine dritte Gruppe im mittleren und unteren Theißgebiet ab. Eine letzte, kleinere Gruppe ist am Unterlauf der Maros verbreitet. Diese Gruppen deuten auf eine innere räumliche Gliederung des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes hin, die von den Abgrenzungen, wie sie durch die Begriffe Makó und Kosihy-Čaka getroffen wurden, nicht abgedeckt werden.

Eine Gliederung der wenigen Gräber ergab eine rahmenhafte Einteilung in drei Kombinationsgruppen. Zur ersten Gruppe gehören innen verzierte Schüsseln, einfach profilierte Krüge und Hg5-Gefäße. Eine jüngere Zeitstellung der beiden zuletzt genannten Gefäßtypen konnte nicht bestätigt werden, weshalb ein balkanischer Ursprung nicht gegeben ist. Zu dieser Kombinationsgruppe gehören Brand­schüttungs- und Urnenbestattungen. Die letzte Kombinationsgruppe unterscheidet sich stark von der ersten. Zu ihr gehören Krugtypen mit bauchig-gedrungenem Körper, senkrecht abgesetztem Hals und leicht ausladender Mündung. Innen verzierte Schüsseln finden sich nun nicht mehr. In dieser Gruppe treten verstärkt Körperbestattungen auf. Die Verbreitung dieser Kombinationsgruppe erstreckt sich nahezu über das gesamte Gebiet des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes und zeigt deshalb keine regionale Besonderheiten. Aus diesem Grunde gehören diese Gräber noch zum Makó-Kosihy-Čaka-Komplex. Dies steht im Gegensatz zu früheren Meinungen.

Als Entstehungsgrundlage des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes ist eine Entwicklung anzusehen, die durch den Einfluss der Grubengrab-Katakomben-Kultur in der (nach mitteleuropäischer Terminologie) späten Kupferzeit in Gang gesetzt wurde. Dies wurde anhand eines Vergleiches von Grabfunden verschiedener Kulturen des östlichen Mitteleuropas deutlich, die durch gemeinsame Merkmale des Totenrituals, der Trachtsitte und der Keramik gekennzeichnet sind. Diese Merkmale ließen sich aus dem Bereich der Grubengrab-Katakomben-Kultur ableiten. Diese Kultur stieß entlang der unteren Donau bis nach Ostungarn vor und traf in diesen Gebieten auf verschiedene einheimische Kulturen der Kupferzeit. Die frühesten Kontakte sind im Gräberfeld von Zimnicea und verschiedenen Gräbern Moldawiens durch die Übernahme von Elementen des Totenrituals und verschiedener Trachtelemente erkennbar. Weiter nach Westen wurden in ähnlicher Weise die späte Coţofeni-Kultur Olteniens und die Kostolac-Kultur des Karpatenbeckens beeinflusst. Dies führte letztlich zu einem einheitlichen kulturellen Bild im östlichen Mitteleuropa, das u. a. die Kulturen des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes im Karpatenbecken, die frühe Vinkovci-Kultur im sirmisch-slawonischen Raum, die Belotić-Bela-Crkva-Gruppe im Drina-Tal, die späte Glina-Kultur Olteniens, der Steinkistenhorizont in Muntenien und die Jedinec-Gruppe in Moldawien prägten. Dieser Einfluss führte zum Auftreten der Körpergrab­sitte im Bereich des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes. Aus diesem Grunde muss auch die Existenz der von I. Bóna postulierten „Protonagyrév-Kultur“ abgelehnt werden. Sie soll von Süden her ins Karpatenbecken vorgestoßen sein und mit dem Makó-Kosihy-Čaka-Komplex parallel gehen; dafür fanden sich aber keine Belege. Die aus Siedlungen des Donaugebietes genannten Funde, die zur „Protonagyrév-Kultur“ gehören sollen, gehören zum einen in ihrer Typenausprägung zum Spektrum des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes, zum anderen ließ sich eine regionale Abgrenzung dieses Materials nicht erkennen.

In der Nagyrév-Kultur ergibt sich eine vierstufige Entwicklung, die im gesamten Verbreitungsgebiet, dem zentral-ungarischen Raum, zu erkennen ist. In Stufe 1 zeigen die Gefäßtypen nach Form und Verzierung noch Anklänge an die Gefäßtypen des späten Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes. Als gemein­sames Merkmal eines Großteils der Keramik ist die schwache S-Profilierung der Gefäßwandung zu erkennen. Die Verzierungen bestehen aus netzförmigen Motiven in Kammstrichtechnik auf dem unteren Teil oder dem Körper des Gefäßes. Häufig ist der untere Teil auch mit einer flächigen Aufrauung in Kammstrichtechnik versehen. Einige bisher zur Glockenbecher-Csepel-Gruppe gerech­nete Gräber konnten dieser Stufe zugeordnet werden. Im Donaugebiet herrschen in Stufe 1 die gleichen kulturellen Verhältnisse wie im Theißgebiet, d. h. Merkmale der Glockenbecher-Csepel-Gruppe sind nicht mehr erkennbar. Lediglich die gelegentlich auftretende Sitte der Urnenbestattungen unterscheidet das Donau- vom Theißgebiet. Ansonsten herrschen in dieser Stufe im gesamten Gebiet die Brandschüttungsbestattungen vor, während S-N-orientierte Körperbestattungen in rechter Hocker­lage gelegentlich auftreten. Mit der Stufe 1 ließ sich Schicht 4 von Dunaföldvár-Kálvária im Kom. Tolna aufgrund gleichartiger Gefäßtypen verbinden. Diese Siedlung bietet im südlichen ungarischen Donaugebiet eine wichtige Ergänzung zu den Grabfunden der Nagyrév-Kultur. Sie liegt über einer Schicht, die von Keramik der Glockenbecher-Csepel-Gruppe geprägt ist, was die durch die Gräberchronologie belegte Abfolge bestätigt.

In Stufe 2 laufen die Traditionen aus der vorhergehenden Stufe weiter, sowohl nach dem Totenritual, als auch in der Keramik. Die Keramiktypen zeichnen sich nun durch Formen mit konisch zulaufendem Hals und niedriger, stark ausladender Mündung aus. Die Verzierungen auf den Gefäßen nehmen ab. Kammstrichverzierungen setzen sich nicht fort. Häufiger befinden sich auf den Gefäßen Kombinatio­nen auf körperständigen plastischen Rippen. Brandschüttungsbestattungen setzen sich fort, nun ist die Grabgrube aber W-O-orientiert. Auch die Körperbestattung tritt noch selten in Form von O-W-orientierten linken Hockerbestattungen auf. In Stufe 3 ist ein Wechsel im Totenritual zu beobachten. Die Brandschüttungsgräber werden ersetzt durch Urnenbestattungen. Als Leichenbrandbehälter diente ein stark s-profilierter Becher, der durch eine Schüssel abgedeckt wurde. In oder neben dem Becher befand sich ein stark s-profilierter Krug oder eine Schüssel als Gefäßmitgabe. Die Sitte der Körperbestattungen läuft in gleicher Form wie in der vorherigen Stufe fort. In Stufe 4 laufen die als Leichenbrandbehälter verwendeten s-profilierten Becher weiter, doch sind sie nun noch stärker s-profiliert. Außerdem ersetzen nun häufiger flächige Ritzlinien die feine Aufrauung der gesamten Gefäßoberfläche. Des Weiteren treten nun gehäuft als Leichenbrandbehälter ritzlinien- oder unverzier­te Hg3-Gefäße auf. In dieser Stufe kommen als Schmuckbeigaben Fayence- und Knochen­perlen, Bronzeblech- und Bronzespiralröllchen und seltener schmale Schleifenkopfnadel und unverzierte Ruderkopfnadeln vor. Durch das häufige Auftreten von Hg3-Gefäßen deutet die letzte Stufe bereits auf die Vatya-Kultur hin. Dieser Gefäßtyp läuft in der frühesten Vatya-Kultur weiter. Außerdem treten neue Schmuckformen auf.

In einem letzten Teil wurden die äußeren relativchronologischen Beziehungen des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes und der Nagyrév-Kultur behandelt. Dabei konnte beobachtet werden, dass der Ein­fluss der karpatenländischen Kulturen in den Regionen außerhalb des Karpatenbeckens gegeben war, sich jedoch verschieden und unterschiedlich stark artikulierte. Die im ungarischen Donaugebiet verbreiteten, gemeinhin der Glockenbecher-Csepel-Gruppe zugeordneten Gräber konnten dabei auf verschiedene Kulturen aufgeteilt werden. Ein Teil der Gräber zeigt Einflüsse aus dem Bereich des Makó-Kosihy-Čaka-Komplexes. Es handelt sich dabei um die Gräber mit charakteristischem Glocken­becher-Inventar. Ein anderer Teil der Gräber konnte der Stufe 1 der Nagyrév-Kultur zugeordnet werden. Die These der Existenz eines Nagyrév-Komplexes, zu der die Glockenbecher-Csepel-Gruppe gehören sollte, konnte widerlegt werden. Die gemeinhin zur späten Schnurkeramik Mährens gerech­neten Gräber zeigten eine starke Verbundenheit zu den karpatenländischen Gräbern. Traditionen der Schnurkeramik sind nur noch schwach erkennbar. Aus diesem Grunde sollten diese Gräber zu einer eigenen Gruppe zusammengefasst werden. Diese Gruppe lässt sich chronologisch mit dem Makó-Kosihy-Čaka-Komplex parallelisieren. Sie ist somit älter als die frühe Nagyrév-Kultur und die frühe Protoaunjetitzer Kultur.

Eine Betrachtung der Somogyvár-Kultur Südtransdanubiens, besonders der Grabungsergebnisse aus der Siedlung von Börzönce (Kom. Zala) ergab, dass die ältesten Gefäßfunde zum Makó-Kosihy-Čaka-Komplex gehören. Die jüngere Entwicklung ging dagegen mit den Stufen 1–2 der Nagyrév-Kultur parallel. Sie war von einem keramischen Inventar geprägt, das regionale Eigenheiten erkennen ließ. Sie unterschied sich ganz klar von der Nagyrév-Kultur des zentral-ungarischen Raumes. Trotzdem ging dieser Regionalisierungsprozess stufenweise vor sich. Während die mit Stufe 1 der Nagyrév-Kultur vergleichbare Entwicklung noch einige identische Gefäßtypen erkennen ließ, verschwanden diese in der spätesten Entwicklung zugunsten charakteristischer, auf die Somogyvár-Kultur beschränk­ter Gefäßtypen. Diese Einteilung der Somogyvár-Keramik steht im Gegensatz zu den bisherigen Ansichten. In denselben chronologischen Rahmen konnte die Ada-Gruppe des südlichen Donau-Theiß-Zwischenlandes gestellt werden. In ihrer Keramik weist sie Merkmale der Somogyvár- und der Nagyrév-Kultur auf und steht damit nicht nur räumlich, sondern auch kulturell zwischen beiden Kulturen. Die Pitvaros-Gruppe geht mit den beiden ersten Stufen der Nagyrév-Kultur parallel. Eine ältere, mit dem Makó-Kosihy-Čaka-Komplex verbundene Entwicklung konnte nicht festgestellt werden. Die Entstehung der Pitvaros-Gruppe hängt mit kulturellen Veränderungen zusammen, die durch die Grubengrab-Kultur verursacht wurden und auch im Gebiet der unteren Donau beobachtet werden konnten. In der Veselé-Gruppe der südwestlichen Slowakei konnte kein bedeutender karpaten­ländischer Einfluss beobachtet werden, hier machte sich der engere Kontakt zum polnischen Raum bemerkbar. Ein näherer Kontakt artikulierte sich erst in der älteren Nitra-Kultur, erkennbar an charakteristischen Gefäßformen, die von karpatenländischen Gefäßtypen der Nagyrév- und Somogy­vár-Kultur beeinflusst sind. In der jüngeren Nitra-Kultur waren diese Kontakte bei den Gefäßtypen in geringerem Maße zu erkennen. Bei Protoaunjetitzer Kultur ergaben sich die engsten Kontakte in ihrer ältesten Stufe. Ein Großteil der Gefäßtypen ist mit denjenigen der Stufe 1 der Nagyrév-Kultur identisch. Die Kontakte blieben während der jüngeren Phase der Protoaunjetitzer Kultur bestehen, doch ist eine stärkere Abgrenzung zu erkennen. Eine vergleichbare, wenn auch etwas abgeschwächte Entwicklung war im Osten Österreichs zu erkennen.